Wenn wir im Alltag die kleinen Ärgernisse verdrängen, haben wir es später oft mit ausgewachsenen Problemen zu tun. Das lässt sich leicht ändern. Denn so verständlich es ist, dass wir unbequemen Wahrheiten gern ausweichen möchten – so sinnvoll wäre es, sie frühzeitig konsequent zu beseitigen.

„Jetzt nicht den Kopf in den Sand stecken“, diese Redewendung ist uns allen bekannt, wenn Schwieriges oder Riskantes ansteht. Wir sollen es nicht so machen, wie es angeblich der langhalsige Vogel Strauß macht. Dem sagt man nach, dass er bei Gefahr seinen Kopf unter der Erde vergräbt. Und verdrängt, was um ihn herum passiert. Doch seien wir ehrlich: Wir Menschen weichen sehr häufig den aufkommenden Problemen aus oder verschließen unsere Augen vor den unbequemen Entwicklungen, wie es dem Strauß aus der Tierwelt nachgesagt wird. Diese Neigung ist auch bekannt als „Ostrich-Effekt“, benannt nach dem englischen Wort für das Federvieh, Ostrich. Ein Wort, das wir kennen sollten – denn dieses Verhalten bringt uns leider nur Nachteile.

 

Wir stecken den Kopf vor schlechten Nachrichten in den Sand

Jeden Tag können wir bei uns selbst und unseren Mitmenschen beobachten, wie mächtig der „Ostrich-Effekt“ ist. Das geht mit den Briefen von Banken, Versicherungen und Ämtern los, die wir oft über Tage ungeöffnet auf der Kommode liegenlassen. Wir lassen uns leiten von einer negativen Erwartung: Wir befürchten schlechte Nachrichten – und stecken den Kopf eben in den Sand, um sie nicht zu sehen. Es zeigte sich in einer Studie über Gewichtsverlust, dass 20 Prozent der Teilnehmer im Verlauf der Untersuchung nicht ein einziges Mal auf der Waage gestanden hatten. Gerät die Börse unter Druck und fallen die Aktienkurse, dann passiert es selbst aktiven und erfahrenen Tradern, dass sie den Blick von ihren Portfolios abwenden. Beide Verhaltensweisen sind psychologisch sicher erstmal verständlich – aber hilfreich sind sie wohl kaum. Sollte der Börsenhändler nicht versuchen, die Verluste so gering wie möglich zu halten?

Erkenntnisse, die unser Selbstwertgefühl ins Wanken bringen

Der „Ostrich-Effekt“ ist so stark, weil wir vermeiden möchten, dass uns persönlich schlechte Nachrichten treffen. Besonders hart zu verarbeiten sind Erkenntnisse, die unsere Selbstwertgefühl und unser Selbstverständnis ins Wanken bringen. Würde man nach der Begründung fürs Ausblenden suchen, so kämen Sätze wie diese heraus:

„Ich schaue nicht auf die Waage – denn wenn ich es mache, bin ich vielleicht enttäuscht über mich.“

„Wenn ich in mein Aktiendepot schaue, dann merke ich, dass ich mich verspekuliert habe.“

„Diesen Brief öffne ich nicht – denn wenn ich ihn öffne, muss ich zugeben, dass ich einen Fehler gemacht habe.“

Unser Bewusstsein mag das alles nicht – und deswegen wählen wir einen vermeintlich effektiven Weg: Wir schauen weg.


Hinschauen und schnell reagieren

Es gibt eine deutlich sinnvollere Strategie, um langfristig große Probleme zu vermeiden: Hinschauen, ehe sie heranwachsen. Wenn wir schnell reagieren, verhindern wir meist die Zuspitzung. Je mehr wir es uns zur Gewohnheit machen, frühzeitig zu reagieren, desto eher üben wir uns darin, die kleinen „Downer“ im Alltag aus Routine flott loszuwerden. Schauen wir doch mal ehrlich hin: Wie viel Geld hätten wir auf dem Konto, wenn wir uns mit Problemen früher befasst hätten? Wie viel einfacher wäre es gewesen, die ersten paar Kilo abzunehmen als die doppelte Masse? Und wieviel unkomplizierter, den Schriftverkehr vor der zweiten Mahnung zu bearbeiten?

 

So ist der beste Tipp gegen den Ostrich-Effekt:

Sich jede Woche eine Stunde einplanen, in der es keine Ausreden gibt. Es ist die Stunde, in der wir uns wiegen, das Aktiendepot prüfen und die unliebsame Post vom Finanzamt öffnen. Es ist unsere Stunde, in der wir an den Vogel Strauß denken – und uns daran erinnern, dass die Redewendung vom Kopf im Sand dem Vogel sogar unrecht tut. Denn die Wahrheit ist: Der Strauß verschließt seine Augen nicht vor der Gefahr. Vielleicht sehen wir seinen Kopf nicht, der tief unten im Gras ist. Aber das liegt eher an Luftspiegelungen oder sogar daran, dass der Strauß seinen Nachwuchs mit einer Schutzhaltung vor der Umwelt tarnen möchte.