Wir sind bestens informiert, haben eine gute Ausbildung und umgeben uns mit klugen Leuten – und doch schätzen wir im Alltag viele Dinge völlig falsch ein. Das ist unnötig, denn es kann nervig sein oder manchmal gar schädlich. Deshalb lohnt es sich, über Denkfehler nachzudenken – um sie beim nächsten Mal zu vermeiden.

1.    „Flugabsturz über Kanada. Ob ich morgen nach Mallorca fliegen soll?“

Wenn ein Flugzeug abstürzt, ist die Katastrophe Dauerthema auf allen Kanälen – auf jedem namhaften Nachrichtenportal, in allen TV-Sendern und im Radio. Um die Schreckensnachricht kommt man einfach nicht herum. Es ist etwas außergewöhnlich schlimmes passiert.

Weil Fliegen aber zu unserem modernen Alltag gehört, kennst du bestimmt jemanden, der genau jetzt einen Flug geplant hat, egal ob in den Urlaub oder geschäftlich. Vielleicht kennst du das: Du schreibst diesem jemand schnell, dass er bloß nicht fliegen soll – denn das ist doch viel zu gefährlich. Vielleicht hast du auch selbst einen Flug geplant – und es ist deine Mutter, die ihre Angst per WhatsApp rüberschickt. Sie will dich schützen, damit du nicht in die Todesmaschine steigst.

Kommt dir so etwas bekannt vor? Dann kennst du jenen Effekt, den Experten die „Verfügbarkeits-Heuristik“ nennen. Das bedeutet: Verknüpfen wir etwas mit starken Gefühlen und haben wir es gedanklich sehr stark vor uns, so ordnen wir es als „wahrscheinlich“ ein. Die mediale Berichterstattung macht aus dem abstrakten, unwahrscheinlichen Risiko eines Flugzeugabsturzes ein dauerhaftes Thema in unseren Gedanken. Schon glauben wir, dass es auch eine hohe Wahrscheinlichkeit gibt. Unser Gehirn funktioniert einfach so.

Und begeht einen Trugschluss, denn: Fliegen ist bei Weitem weniger riskant als etwa Autofahren. Das sagen die statistischen Fakten.

2.    „Schon fünfmal Rot beim Roulette. Da muss jetzt Schwarz kommen!“

Du beobachtest ein Glücksspiel genau und siehst die Kugel rollen. Fünfmal in Serie ist Rot gekommen. Jetzt, das ist doch klar, muss die Kugel bald auf Schwarz landen. Alles andere, denkst du, ist doch super-unwahrscheinlich. Du setzt entsprechend deiner Einschätzung Geld – und dein Geld ist weg, Mist! Doch wieder Rot. Wie kann das sein? Lieber mal zum Würfeln gehen?

Oder lieber nochmal über Denkfehler nachdenken: Es ist nämlich sinnlos, Muster bei zufälligen Ereignissen als Entscheidungshilfen heranzuziehen. Nur tun wir Menschen uns schwer zu begreifen, dass es manchmal kein Muster gibt. Wenn ich schon zweimal in diesem Jahr Autounfälle hatte, glaube ich auch, dass es jetzt nicht ein drittes Mal passieren wird – es passt sonst nicht in mein Denkmuster.

Aber: Zufall bleibt Zufall. Die Wahrscheinlichkeit, dass hundertmal hintereinander dieselbe Zahl auf dem Würfel oder auf dem Roulette-Tisch angezeigt wird, ist genauso groß wie die einer willkürlichen Abfolge. Und ob ich noch drei oder zehn Unfälle in diesem Jahr haben werde – solange ich nicht ein unterdurchschnittlich schlechter Autofahrer bin, kann ich das kaum prognostizieren.

3.    „Im Vergleich zum Durchschnitt bin ich sicher besser.“

Womit wir bei einem mustergültigen Denkfehler wären, den wir jeden Tag im Straßenverkehr beobachten können. 90% der Teilnehmer einer Studie aus dem Jahr 2014 hielten sich für überdurchschnittlich gute Autofahrer. Von 10 möglichen Punkten bewerteten sie sich selbst mit 7. Erstaunlich: Eine Studie, bei der vor allem Fahrer-Asse entdeckt wurden. Was für ein Zufall!

Doch ist die Einschätzung offensichtlich zu bezweifeln. Denn eines steht fest: Wenn wir uns mit „dem Durchschnitt“ vergleichen, fällt uns eine realistische Einschätzung unserer eigenen Fertigkeiten schwer; schon deshalb, weil wir nicht wissen, wie der Durchschnitt eigentlich aussieht. Und wer will schon gerne „unterdurchschnittlich“ sein (0,8% der Studienteilnehmer waren es in dem benannten Fall).

Uns fällt es sehr schwer, uns treffend einzuordnen. Nehmen wir etwa dieses Beispiel: Wir bitten Menschen, sich an drei besondere Gelegenheiten zu erinnern, bei denen sie sich großzügig gegenüber anderen gezeigt haben. Wenn wir diese Menschen später fragen, ob sie ihre Großzügigkeit im Allgemeinen eher hoch oder niedrig einschätzen, kommt es zu keinem überraschenden Ergebnis. Hoch, sagen sie, sehr hoch sogar!

Aber die Sache ist nicht so leicht. Bitten wir dieselben großzügigen Menschen, sich an mehr, nämlich an zehn Gelegenheiten zu erinnern, bei denen sie sich großzügig gezeigt haben – dann fällt die Selbsteinschätzung plötzlich deutlich schlechter aus.

Auch hier sieht man wieder: Denkfehler machen uns das Leben schwer. Denn wir spielen erneut mit der Verfügbarkeits-Heuristik. Es fällt uns leichter, uns an drei anstatt an zehn Beispiele zu erinnern. Und was uns schnell einfällt, muss doch wahr sein. Doch leider ist auch das ein Denkfehler.